Mutter sitzt ruhig neben ihrem Kind am Esstisch und legt eine Hand auf dessen Schulter – ARFID-Essstörung erkennen und verstehen

ARFID: Essstörung erkennen, Ursachen und Behandlung

„Sie isst einfach nichts anderes.“ – „Er hat schon als Kleinkind alles ausgespuckt, was neu war.“ – „Wir können nirgendwo mehr essen gehen.“

Wer solche Sätze kennt, hat oft jahrelang gehört, das gebe sich schon. Manchmal stimmt das. Manchmal steckt aber etwas dahinter, das einen Namen hat: ARFID – auf Deutsch die Störung mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme. Dieser Beitrag ordnet ein, woran sie sich erkennen lässt, wodurch sie entstehen kann und welche Hilfe es gibt.

Was ARFID bedeutet

Die Abkürzung steht für Avoidant/Restrictive Food Intake Disorder. Gemeint ist ein stark eingeschränktes Essverhalten, das über das übliche Maß hinausgeht und körperliche oder soziale Folgen hat.

Der entscheidende Unterschied zu Magersucht und Bulimie: Bei ARFID geht es nicht um Figur, Gewicht oder Körperbild. Betroffene möchten nicht abnehmen. Sie vermeiden bestimmte Lebensmittel, weil deren Geruch, Aussehen oder Beschaffenheit bei ihnen Ekel oder Angst auslöst – oder weil sie schlicht kein Hunger- und Appetitgefühl verspüren.

ARFID wurde erst 2013 als eigenständige Diagnose in das psychiatrische Klassifikationssystem aufgenommen. Entsprechend dünn ist die Studienlage, und entsprechend häufig wird sie übersehen. Betroffen sind vor allem Kinder und Jugendliche, sie kann aber bis ins Erwachsenenalter bestehen bleiben.

Der Unterschied zu wählerischem Essen

Familie sitzt entspannt am gedeckten Frühstückstisch, ein Kind schaut nachdenklich – Unterschied zwischen wählerischem Essen und ARFID

Fast alle Kinder durchlaufen Phasen, in denen sie bestimmte Dinge ablehnen. Das ist normal und geht meist vorüber. Nicht jedes wählerische Kind hat ARFID – diese Unterscheidung ist wichtig, damit aus Sorge kein Druck wird.

Wählerisches EssenARFID
Dauervorübergehende Phasenanhaltend über lange Zeit
Auswahleingeschränkt, aber ausreichendsehr eng, oft nur wenige Speisen
Gefühl beim EssenAbneigungAngst, Ekel, Würgereiz
Körperliche FolgenkeineMangelerscheinungen möglich
Alltagkaum beeinträchtigtFamilienessen, Feiern, Schule betroffen
Neues probierengelingt mit der Zeitlöst starke Anspannung aus

Ausschlaggebend ist nicht, was jemand meidet, sondern wie stark Gesundheit und Alltag darunter leiden.

Woran sich ARFID erkennen lässt

Häufig beschriebene Anzeichen sind:

  • starke Reaktionen auf Konsistenz, Geruch, Farbe oder Temperatur von Speisen
  • Würgen oder Übelkeit schon beim Anblick bestimmter Lebensmittel
  • Angst vor Verschlucken, Erbrechen oder Bauchschmerzen nach dem Essen
  • fehlendes Hungergefühl, Essen wird schlicht vergessen
  • Mahlzeiten dauern sehr lange oder werden vermieden
  • Rückzug von Situationen, in denen gemeinsam gegessen wird
  • Ärztlich festgestellte Mangelerscheinungen oder Wachstumsauffälligkeiten bei Kindern

Diese Aufzählung ersetzt keine Diagnose. Sie soll Ihnen helfen einzuschätzen, ob ein Gespräch in der ärztlichen Praxis sinnvoll ist. Im Zweifel gilt: lieber einmal zu früh nachfragen als zu spät.

Wodurch ARFID entstehen kann

Meist wirken mehrere Faktoren zusammen. Drei Muster werden am häufigsten beschrieben:

Sensorische Empfindlichkeit. Manche Menschen nehmen Konsistenzen und Gerüche deutlich intensiver wahr als andere. Was für die einen unauffällig ist, löst bei ihnen körperlichen Widerwillen aus. Gehäuft tritt das bei Menschen im Autismus-Spektrum und bei ADHS auf.

Eine belastende Erfahrung. Ein Erstickungserlebnis, eine schwere Magen-Darm-Erkrankung oder eine allergische Reaktion kann eine anhaltende Angst hinterlassen – die sich anschließend auf immer mehr Lebensmittel ausweitet.

Fehlendes Interesse am Essen. Manche Betroffene verspüren kaum Hunger und empfinden Essen als lästige Pflicht. Auch das ist keine Charakterfrage, sondern Teil des Störungsbildes.

Ein Satz, der Eltern oft entlastet: Niemand entscheidet sich freiwillig so zu essen. ARFID ist weder Trotz noch Erziehungsfehler.

Warum eine Abklärung wichtig ist

ARFID gilt als ebenso ernst zu nehmen wie bekanntere Essstörungen. Ohne Behandlung können Nährstoffmangel, Wachstumsverzögerungen bei Kindern und eine anhaltende soziale Einschränkung entstehen. In schweren Fällen wird eine ergänzende Ernährung notwendig.

Gleichzeitig gilt: Je früher jemand Unterstützung bekommt, desto weniger verfestigt sich das Vermeidungsverhalten.

Wie ARFID behandelt wird

Ärztin im Gespräch mit einer Mutter und ihrem Kind in einer hellen Praxis – ärztliche Abklärung bei Verdacht auf ARFID

Die Behandlung gehört in fachliche Hände und verläuft in aller Regel im Zusammenspiel mehrerer Beteiligter.

Körperliche Abklärung. Die haus- oder kinderärztliche Praxis prüft zuerst, ob Mangelzustände vorliegen und ob körperliche Ursachen infrage kommen. Das ist immer der erste Schritt.

Psychotherapie. Als am besten untersucht gilt die kognitive Verhaltenstherapie; bei Kindern kommt häufig ein familienbasierter Ansatz hinzu, der Eltern ausdrücklich einbezieht. Kern ist ein behutsames, schrittweises Heranführen – ohne Zwang und ohne Schuldzuweisung.

Ernährungsfachliche Begleitung. Sie sorgt dafür, dass die Versorgung während der Behandlung gesichert bleibt.

Den Zugang finden Sie über die hausärztliche oder kinderärztliche Praxis, über Fachärztinnen und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder über spezialisierte Essstörungs-Ambulanzen. Die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung erreichen Sie unter 116 117.

Was Hypnose leisten kann – und was nicht

Frau sitzt ruhig mit einer Tasse Tee am Fenster und atmet durch – Entlastung für Eltern in einer belastenden Phase

Hier ist Klarheit wichtiger als Werbung.

Hypnose ist keine Behandlung für ARFID. Es gibt dafür keine belastbare Studienlage, und wer bei einer Essstörung mit körperlichem Risiko auf ein Audio-Programm statt auf ärztliche Abklärung setzt, verliert wertvolle Zeit. Anbieter, die Hypnose als Lösung für Essstörungen bewerben, sollten Sie meiden.

Was Entspannungsverfahren beitragen können, liegt an anderer Stelle: bei der allgemeinen Anspannung, die eine solche Situation für die ganze Familie mit sich bringt. Innerhalb einer laufenden Behandlung können hypnotische Verfahren ergänzend eingesetzt werden – dann aber abgestimmt mit den behandelnden Fachpersonen, nicht in Eigenregie.

Aus diesem Grund gibt es bei Dr. med. Dieter Eisfeld kein Audio-Programm gegen ARFID. Was es gibt, sind Programme zur Entspannung für Erwachsene, die über längere Zeit unter Anspannung stehen – etwa Eltern in einer belastenden Phase:

👉 „Innere Ruhe finden“ – für Tage, an denen die Sorge nicht abschaltet

👉 „Burnout, Stress & Erschöpfung“ – wenn die Belastung schon länger anhält

Ein wählerisches Kind braucht Geduld. Ein Kind mit ARFID braucht Hilfe. Den Unterschied klärt am besten ein Termin.


Beratung bei Essstörungen: Das Beratungstelefon des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (früher BZgA) erreichen Sie unter 0221 892031 – montags bis donnerstags 10 bis 22 Uhr, freitags bis sonntags 10 bis 18 Uhr. Die Beratung ist kostenlos, es fallen nur die üblichen Gebühren für ein Ferngespräch an. Weitere Informationen und eine Adresssuche finden Sie unter essstoerungen.bioeg.de.

Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine Diagnose. Die genannten Audio-Programme dienen der Entspannung und persönlichen Weiterentwicklung und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Bei Verdacht auf eine Essstörung wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine psychotherapeutische Praxis.

Autor: Dr. med. Dieter Eisfeld – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, klinischer Hypnose-Therapeut, Hamburg
Dr. med. Dieter Eisfeld – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Hamburg
Dr. med. Dieter Eisfeld
Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP), Verhaltenstherapie (VT), Hypnotherapie (MEG/DGH), Psychoonkologie (PSO), Systemische Paar- und Familientherapie, NLP, EMDR, MPU, Suchttherapie.

Psychologische Praxis Hamburg-Mitte ©
www.praxis-hamburg-mitte.de
info@praxis-hamburg-mitte.de
Adenauerallee 1 / D-20097 Hamburg

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