Mann mittleren Alters sitzt nachdenklich am Fenster im Morgenlicht – Alkoholabhängigkeit erkennen und einordnen

Alkoholabhängigkeit erkennen: Anzeichen, Selbsttest und Wege heraus

Die Grenze zwischen Gewohnheit und Abhängigkeit verläuft nicht dort, wo die meisten Menschen sie vermuten. Sie hat wenig mit der Menge zu tun und wenig damit, ob jemand morgens trinkt. Sie hat damit zu tun, ob der Konsum noch eine Entscheidung ist.

Dieser Artikel beschreibt, woran sich das erkennen lässt, was ein verbreiteter Selbsttest leisten kann und wohin der erste Weg führt. Er ersetzt keine ärztliche Einschätzung — aber er kann helfen, eine Frage zu beantworten, die viele Menschen jahrelang mit sich herumtragen.

Wann wird aus Gewohnheit eine Abhängigkeit?

Ein Feierabendbier ist keine Abhängigkeit. Zwei Gläser Wein am Wochenende auch nicht. Der Übergang ist fließend, und genau das macht ihn so schwer erkennbar — für Betroffene wie für Angehörige.

Hilfreich ist eine einfache Unterscheidung:

Bei einer Gewohnheit trinken Sie, weil Sie es möchten. Sie könnten es lassen, es käme Ihnen nur ungewohnt vor. Wenn etwas dazwischenkommt, ist das kein Problem.

Bei einer Abhängigkeit trinken Sie, weil etwas in Ihnen darauf besteht. Sie nehmen sich vor, heute nichts zu trinken, und tun es trotzdem. Sie merken, dass Sie mehr brauchen als früher. Sie werden unruhig, wenn nichts da ist.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Kontrolle. Nicht in der Menge, nicht in der Uhrzeit, nicht in der Sorte.

Die Kriterien, an denen sich Fachleute orientieren

In der medizinischen Diagnostik wird von einem Abhängigkeitssyndrom gesprochen, wenn innerhalb eines Jahres mindestens drei der folgenden sechs Merkmale gleichzeitig aufgetreten sind. Diese Einteilung stammt aus der ICD-10 und ist in Deutschland weiterhin gebräuchlich; die neuere ICD-11 fasst sie zu drei übergeordneten Merkmalen zusammen, meint aber dasselbe.

Starkes Verlangen. Ein Drang zu trinken, der sich aufdrängt und schwer beiseitezuschieben ist.

Verminderte Kontrolle. Sie trinken mehr oder länger als beabsichtigt. Der Vorsatz, es bei einem Glas zu belassen, hält nicht.

Entzugserscheinungen. Zittern, Schwitzen, Unruhe, Schlafstörungen oder Übelkeit, wenn Sie nichts trinken — und Besserung, sobald Sie es tun.

Toleranzentwicklung. Sie brauchen mehr als früher, um dieselbe Wirkung zu spüren.

Vernachlässigung anderer Interessen. Dinge, die Ihnen wichtig waren, treten zurück. Der Aufwand für Beschaffung, Konsum und Erholung nimmt zu.

Fortsetzung trotz Folgen. Sie trinken weiter, obwohl Sie die Schäden kennen — körperlich, beruflich oder in Ihren Beziehungen.

Drei davon genügen. Viele Menschen erfüllen mehr, ohne es je benannt zu haben.

Selbsttest: die drei AUDIT-C-Fragen

Frau sitzt mit Notizbuch und Stift am Tisch und beantwortet Fragen – AUDIT-C-Selbsttest zum eigenen Alkoholkonsum

Der AUDIT-C ist ein Kurzfragebogen der Weltgesundheitsorganisation und wird in Hausarztpraxen weltweit eingesetzt. Er besteht aus drei Fragen und dauert eine Minute.

Erste Frage: Wie oft trinken Sie Alkohol? Nie zählt null Punkte, einmal im Monat oder seltener einen, zwei- bis viermal im Monat zwei, zwei- bis dreimal die Woche drei, viermal die Woche oder öfter vier Punkte.

Zweite Frage: Wie viele Gläser trinken Sie an einem typischen Tag, an dem Sie Alkohol trinken? Ein bis zwei Gläser zählen null Punkte, drei bis vier einen, fünf bis sechs zwei, sieben bis neun drei, zehn oder mehr vier Punkte. Als ein Glas gilt dabei etwa ein kleines Bier, ein Achtel Wein oder ein Schnaps.

Dritte Frage: Wie oft trinken Sie sechs oder mehr Gläser bei einer Gelegenheit? Nie zählt null Punkte, seltener als monatlich einen, monatlich zwei, wöchentlich drei, täglich oder fast täglich vier Punkte.

Ab vier Punkten bei Frauen und fünf Punkten bei Männern gilt das Ergebnis als auffällig. Das bedeutet keine Diagnose — es bedeutet, dass ein Gespräch mit einer Ärztin oder einem Arzt sinnvoll wäre.

Und eine Beobachtung aus der Praxis: Wer diesen Test macht und dabei überlegt, ob er ehrlich antworten soll, hat die Frage im Grunde schon beantwortet.

Warum Willenskraft allein selten reicht

Der häufigste Satz, den ich in diesem Zusammenhang höre, lautet: „Ich müsste nur konsequenter sein.“ Er ist verständlich — und er führt in die Irre.

Alkohol wirkt auf das Belohnungssystem des Gehirns, und zwar auf Bahnen, die älter und schneller sind als jede bewusste Entscheidung. Wer über Jahre trinkt, verändert diese Bahnen messbar. Der Vorsatz sitzt im Stirnhirn, der Impuls entsteht tiefer — und im Zweifel gewinnt der Impuls, weil er früher da ist.

Das ist kein Charakterproblem. Es erklärt, warum Menschen mit erheblicher Willenskraft in anderen Lebensbereichen an dieser Stelle scheitern. Und es erklärt, warum Scham hier so wenig hilft: Sie erhöht den Druck, ohne die Ursache zu berühren.

Wege heraus — und wo sie beginnen

Ärztin im ruhigen Gespräch mit einer Patientin in heller Praxis – der erste Schritt aus der Alkoholabhängigkeit

Die Hausärztin oder der Hausarzt

Der unspektakulärste und meist beste erste Schritt. Ein Blutbild zeigt, ob bereits Organschäden vorliegen. Und die Frage, ob ein Entzug ambulant möglich ist oder stationär erfolgen sollte, kann nur jemand beantworten, der Sie untersucht hat.

Viele Menschen scheuen dieses Gespräch aus Angst vor Konsequenzen. In aller Regel unbegründet: Ihre Hausärztin unterliegt der Schweigepflicht, und ein Eintrag im Führerschein oder eine Meldung erfolgt nicht, weil Sie ein Problem ansprechen.

Suchtberatungsstellen

Kostenlos, auf Wunsch anonym, in jeder größeren Stadt vorhanden. Sie brauchen keine Überweisung und keinen Termin beim Facharzt. Die Beraterinnen und Berater dort haben in aller Regel keine moralische Haltung zum Trinken, sondern eine praktische zur Frage, was jetzt zu tun ist.

Qualifizierter Entzug

Bei körperlicher Abhängigkeit ist ein ärztlich begleiteter Entzug notwendig. Er dauert meist ein bis drei Wochen und wird in aller Regel von der Krankenkasse getragen.

Ein Punkt, bei dem ich deutlich werden muss: Ein körperlicher Alkoholentzug ohne ärztliche Begleitung kann lebensgefährlich verlaufen. Es kann zu Krampfanfällen und zu einem Delirium tremens kommen — einem Zustand mit Verwirrtheit, Halluzinationen und Kreislaufentgleisung, der unbehandelt tödlich enden kann.

Wenn Sie beim Verzicht Zittern, Schwitzen, Herzrasen oder starke Unruhe verspüren, versuchen Sie es bitte nicht allein. Wenden Sie sich an Ihre Hausärztin, Ihren Hausarzt oder direkt an eine Klinik.

Selbsthilfegruppen

Anonyme Alkoholiker, Guttempler, Kreuzbund und andere. Was dort geschieht, ist von außen schwer nachzuvollziehen und wirkt bei vielen Menschen erstaunlich gut — vermutlich, weil die Gruppe etwas leistet, das keine Einzelbehandlung ersetzen kann: Sie nimmt die Vereinzelung weg.

Was Angehörige tun können — und was nicht

Zwei Frauen sitzen einander zugewandt am Küchentisch und sprechen ruhig miteinander – Angehörige im Gespräch

Wer neben einem Menschen steht, der trinkt, versucht meist beides: reden und retten. Beides stößt an Grenzen, die nichts mit Zuwendung zu tun haben.

Was selten hilft: Vorwürfe, Kontrolle, Flaschen ausschütten, Ultimaten, die nicht eingehalten werden. Auch das Gegenteil hilft nicht — Entschuldigungen beim Arbeitgeber, Ausreden gegenüber der Familie, Schulden begleichen. Beides verlängert die Lage eher.

Was manchmal hilft: Ruhig und konkret benennen, was Sie beobachten, ohne Diagnose und ohne Etikett. Nicht in betrunkenem Zustand. Und den eigenen Anteil klar halten: was Sie mittragen und was nicht mehr.

Was auf jeden Fall nötig ist: Dass Sie sich selbst nicht verlieren. Angehörige schlafen schlechter, sind häufiger erschöpft und entwickeln öfter Angstsymptome als der Durchschnitt. Das ist keine Nebensache — es ist die Voraussetzung dafür, dass Sie überhaupt noch da sein können.

Häufige Fragen

Muss ich für immer abstinent leben?
Bei einer diagnostizierten Abhängigkeit ist vollständige Abstinenz nach heutigem Stand der sicherste Weg — kontrolliertes Trinken gelingt selten dauerhaft. Bei riskantem Konsum ohne Abhängigkeit sieht das anders aus; dort ist eine Reduktion ein realistisches und sinnvolles Ziel.

Erfährt mein Arbeitgeber davon?
Nein. Ärztliche Schweigepflicht und Beratungsgeheimnis gelten uneingeschränkt. Auch eine Entzugsbehandlung wird als Krankenhausaufenthalt geführt, ohne Angabe des Grundes.

Ich trinke nur abends, nie tagsüber. Ist das schon ein Problem?
Die Uhrzeit sagt wenig aus. Entscheidend ist, ob Sie es lassen könnten, wenn Sie wollten — und ob Sie es in den letzten Monaten einmal versucht haben.

Kann Hypnose bei Alkoholabhängigkeit helfen?
Bei einer bestehenden Abhängigkeit gehört die Behandlung in ärztliche Hände; Hypnose ersetzt weder Entzug noch Suchttherapie. Bei erhöhtem Konsum ohne Abhängigkeit kann sie als ein Baustein sinnvoll sein — dort geht es um Impulse, Gewohnheiten und Anspannung, und das sind Themen, mit denen Hypnose arbeiten kann.

Wo Sie weiterlesen können

Wenn Sie an Gewohnheiten arbeiten möchten, die Sie stören, finden Sie auf der Seite Gewohnheiten ändern Programme zu Impulskontrolle und Anspannung.

Wenn Sie zu jemandem gehören, der trinkt, ist die Seite Angehörige von Suchtkranken für Sie gedacht — sie handelt ausdrücklich nicht davon, den anderen zu verändern.

Hilfe und Beratung

Sucht & Drogen Hotline: 01806 313031, täglich 8 bis 24 Uhr (20 Cent pro Anruf)
Suchtberatung vor Ort: über die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen
In akuten Krisen: TelefonSeelsorge 0800 111 0 111 oder 116 123
Notruf: 112

Autor: Dr. med. Dieter Eisfeld – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, klinischer Hypnose-Therapeut, Hamburg
Dr. med. Dieter Eisfeld – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Hamburg
Dr. med. Dieter Eisfeld
Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP), Verhaltenstherapie (VT), Hypnotherapie (MEG/DGH), Psychoonkologie (PSO), Systemische Paar- und Familientherapie, NLP, EMDR, MPU, Suchttherapie.

Psychologische Praxis Hamburg-Mitte ©
www.praxis-hamburg-mitte.de
info@praxis-hamburg-mitte.de
Adenauerallee 1 / D-20097 Hamburg

Jede Neuerscheinung für Abonnenten kostenlos

Alle meine Newsletter-Abonnenten erhalten neu erschienene Hypnose-Programme vorab zum kostenlosen Herunterladen und Ausprobieren, dazu fachärztliche Ratgeber-Artikel. Jederzeit kündbar.

Einwilligung
Warenkorb
Nach oben scrollen