Frau sitzt mit Notizbuch und Telefon am Tisch und sortiert ihre nächsten Schritte – kein Therapieplatz, was jetzt konkret hilft

Kein Therapieplatz? Was Sie jetzt konkret tun können

Zwanzig Anrufe. Dreimal Anrufbeantworter, zweimal „Ich führe keine Warteliste mehr“, einmal „Frühestens im nächsten Jahr“. Wer in Deutschland einen Psychotherapieplatz sucht, kennt diese Nachmittage.

Das Zermürbende daran ist nicht nur das Warten. Es ist das Gefühl, nichts tun zu können. Genau das stimmt aber nicht. Zwischen „Therapieplatz“ und „nichts“ liegen mehrere konkrete Schritte, die vielen unbekannt sind – darunter zwei Wege, auf die Sie einen rechtlichen Anspruch haben.

Der Perspektivwechsel, der Druck herausnimmt

Frau telefoniert mit ernstem Blick und macht sich Notizen – die Suche nach einem freien Therapieplatz

Die meisten Menschen suchen nach dem einen richtigen Therapieplatz – und erleben jede Absage als Scheitern. Hilfreicher ist eine andere Frage: Was ist der nächste reale Hilfeschritt?

Denn Versorgung ist kein Schalter, der entweder an oder aus ist. Es gibt Zwischenstufen: ein einordnendes Gespräch, eine kurzfristige Krisenbehandlung, eine Ambulanz, ein begleitetes Online-Programm. Jede dieser Stufen ist mehr als Warten – und mehrere davon führen am Ende schneller zum Therapieplatz.

Schritt 1: Die psychotherapeutische Sprechstunde

Sie ist der offizielle Einstieg in die Versorgung und vielen unbekannt. In der Sprechstunde geht es nicht darum, sofort eine Behandlung zu beginnen, sondern darum, Ihre Beschwerden fachlich einzuordnen und zu klären, welche Hilfe passt.

Zwei Punkte, die dabei wichtig sind:

  • Jede psychotherapeutische Praxis mit Kassenzulassung ist verpflichtet, Sprechstunden anzubieten
  • Sie brauchen dafür keine Überweisung – die Versichertenkarte genügt

Am Ende erhalten Sie eine schriftliche Einschätzung. Dieses Papier ist mehr wert, als es aussieht: Es ist die Eintrittskarte für alle weiteren Schritte – und ohne es geht vieles nicht.

Schritt 2: Die Terminservicestelle unter 116 117

Die Nummer 116 117 ist kostenfrei und rund um die Uhr erreichbar. Die Terminservicestelle vermittelt Ihnen Termine – und das ist keine Gefälligkeit, sondern eine gesetzliche Aufgabe.

Vermittelt werden zwei Dinge:

Ein Sprechstundentermin, falls Sie noch keinen hatten.

Eine Akutbehandlung, wenn die Sprechstunde einen dringenden Bedarf festgestellt hat. Die Akutbehandlung ist eine kurzfristige Krisenbehandlung – keine vollständige Therapie, aber deutlich mehr als nichts, und sie beginnt in aller Regel innerhalb weniger Wochen.

Halten Sie beim Anruf Ihre Versichertennummer und die schriftliche Einschätzung aus der Sprechstunde bereit.

Schritt 3: Das Kostenerstattungsverfahren

Diesen Weg kennen die wenigsten, und er ist der wirksamste, wenn nichts anderes greift.

Wenn Sie nachweislich in zumutbarer Zeit keinen Kassenplatz finden, kann Ihre Krankenkasse verpflichtet sein, die Behandlung bei einer privat abrechnenden approbierten Psychotherapeutin zu bezahlen. Der Weg dorthin:

  1. Sprechstunde wahrnehmen und die schriftliche Einschätzung mitnehmen
  2. Bei mehreren Kassenpraxen anfragen und jede Absage dokumentieren – Datum, Praxis, Antwort
  3. Bei der Terminservicestelle anfragen und auch diese Auskunft notieren
  4. Eine privat abrechnende Praxis mit Approbation suchen, die freie Kapazität hat
  5. Antrag auf Kostenerstattung bei der Krankenkasse stellen, mit allen Nachweisen

Wichtig: Der Antrag muss vor Behandlungsbeginn gestellt werden. Kassen lehnen häufig zunächst ab – ein Widerspruch lohnt sich oft. Unterstützung bekommen Sie bei der Unabhängigen Patientenberatung oder über Ihre Landespsychotherapeutenkammer.

Weitere Wege, die oft übersehen werden

  • Ausbildungsambulanzen an Universitäten und Instituten – Behandlung durch Therapeutinnen in Ausbildung unter Supervision, oft mit deutlich kürzeren Wartezeiten
  • Psychiatrische Institutsambulanzen an Kliniken – zuständig bei schwereren Verläufen
  • Digitale Gesundheitsanwendungen – verordnungsfähige Programme, die ärztlich verschrieben und von der Kasse bezahlt werden
  • Beratungsstellen von Caritas, Diakonie, AWO oder Pro Familia – kostenfrei, oft ohne Wartezeit, gut zum Sortieren
  • Selbsthilfegruppen – die NAKOS vermittelt bundesweit
  • Tageskliniken – wenn ambulant zu wenig und stationär zu viel ist

Sprechen Sie auch mit Ihrer hausärztlichen Praxis. Sie kann krankschreiben, Medikamente verordnen, an Fachärzte überweisen und kennt oft lokale Wege, die im Internet nicht auftauchen.

Was Sie in der Wartezeit selbst tun können

Frau geht am Morgen ruhig draußen spazieren – Tagesstruktur und Bewegung in der Wartezeit auf einen Therapieplatz

Vorab in aller Deutlichkeit: Nichts davon ersetzt eine Behandlung. Es geht darum, die Zeit bis dahin erträglicher zu machen und nicht weiter abzurutschen.

Tagesstruktur halten. Feste Zeiten für Aufstehen, Mahlzeiten und Schlafen. Das klingt banal und ist der stabilste Anker, den es gibt.

Bewegung, so klein wie nötig. Zehn Minuten draußen zählen. Es geht nicht um Sport, sondern darum, den Körper mitzunehmen.

Einen Menschen einweihen. Wer allein wartet, wartet schwerer. Es muss niemand alles verstehen – es reicht, dass jemand Bescheid weiß.

Entspannungsverfahren üben. Atemübungen, progressive Muskelentspannung, autogenes Training, Selbsthypnose. Diese Verfahren wirken auf die körperliche Anspannung – und die ist bei fast allen seelischen Belastungen mit im Spiel.

Notfallplan schreiben. Ein Zettel mit drei Nummern und drei Dingen, die Ihnen schon einmal geholfen haben. An schlechten Tagen fällt Nachdenken schwer – dann hilft es, es vorher getan zu haben.

Wann Sie nicht warten dürfen

Es gibt Situationen, in denen keiner der beschriebenen Wege der richtige ist, weil sie zu lange dauern.

Wenn Sie Gedanken haben, sich das Leben zu nehmen; wenn Sie das Gefühl haben, nicht mehr sicher allein sein zu können; wenn Sie sich selbst verletzen; oder wenn Sie das Erleben haben, den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren – dann holen Sie sich heute Hilfe.

  • Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 oder 116 123 – rund um die Uhr, kostenfrei, vertraulich
  • Psychiatrische Klinik in Ihrer Nähe – Ambulanzen nehmen Menschen in Krisen ohne Termin auf
  • Notruf 112 bei akuter Gefahr

Sich in einer Krise zu melden ist kein Übertreiben. Genau dafür sind diese Stellen da.

Ruhiger durch die Wartezeit

Frau liegt entspannt mit Kopfhörern und geschlossenen Augen – Entspannungsverfahren als Begleitung in der Wartezeit

Wenn Sie die Wartezeit mit einem Entspannungsverfahren begleiten möchten, finden Sie hier Audio-Programme von Dr. med. Dieter Eisfeld, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie sind eine Begleitung, keine Behandlung – gedacht für die Zeit dazwischen.

👉 Kostenlose Hypnosen zum Ausprobieren – der unverbindliche Einstieg

👉 „Der sichere Ort“ – eine Stabilisierungsübung, die auch in Praxen eingesetzt wird

👉 „Innere Ruhe finden“ – wenn die Anspannung nicht nachlässt

👉 „Einschlafen in 15 Minuten“ – wenn nachts das Grübeln beginnt

Bitte sprechen Sie kurz mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, bevor Sie damit beginnen – besonders, wenn Sie sich gerade sehr belastet fühlen.

Kein Platz zu bekommen ist kein Urteil über Sie. Es ist ein Versorgungsproblem – und dafür gibt es Wege.


Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine Beratung im Einzelfall. Die genannten Audio-Programme dienen der Entspannung und persönlichen Weiterentwicklung und ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung. Bei anhaltenden Beschwerden wenden Sie sich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine psychotherapeutische Praxis.

Autor: Dr. med. Dieter Eisfeld – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, klinischer Hypnose-Therapeut, Hamburg
Dr. med. Dieter Eisfeld – Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Hamburg
Dr. med. Dieter Eisfeld
Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP), Verhaltenstherapie (VT), Hypnotherapie (MEG/DGH), Psychoonkologie (PSO), Systemische Paar- und Familientherapie, NLP, EMDR, MPU, Suchttherapie.

Psychologische Praxis Hamburg-Mitte ©
www.praxis-hamburg-mitte.de
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